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Start Up and Fight! Vom Erfinden und Scheitern

Von Christoph Burstup Weiss

Als ich Anfang der neunziger Jahre begann, in Clubs als DJ aufzutreten und zu Hause meine ersten Beats produzierte, wuchs der Wunsch in mir, auch die eigene Musik von einer rotierenden Schallplatte zu hören. Aber Klinken putzen bei den großen Plattenfirmen? Die Vorstellung gefiel der Band wenig. Wir gründeten stattdessen unsere eigene Platten-„Firma“, was in der Praxis hieß: ein paar hundert Vinylscheiben pressen lassen, Designs für Cover und Label erstellen und in die lokalen Plattengeschäfte radeln, um die Ware dort ins Regal zu stellen. Es war eine verrückte Idee, denn das Musikgenre, in dem wir uns bewegten, war ein Randphänomen und existierte in dieser Form noch nicht auf Tonträgern.

Ein eigenes Label zu gründen, ein ungewöhnliches Kunstprojekt zu schaffen, eine Erfindung zu entwickeln – es gibt kaum etwas Aufregenderes, und kaum etwas Riskanteres. Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und Indiegogo erleichtern es heute zwar, Startkapital zu sammeln. Doch Gründerinnen und Gründer müssen auch der Wahrheit ins Auge sehen. Laut Studien des US Bureau of Labor Statistics und Recherchen des Blogs Gründerszene scheitern im Durchschnitt elf von zwölf Startups. Die New Yorker Plattform CB Insights trägt seit Januar 2014 die Erfahrungen gescheiterter Startups zusammen. Insgesamt hat die Firma mittlerweile 146 „Startup-Post-Mortems“ analysiert. Im Durchschnitt enden die jungen Unternehmen nach 20 Monaten und rund einer Million Euro an investiertem Geld – weil es ihnen ausgeht. Sogar die weltweit beliebte Berliner Musikplattform Soundcloud geriet vor kurzem in die Bredouille, weil es ihr trotz der hohen Zahl an Nutzern nicht gelingt, ausreichend Umsatz zu generieren. Viele Startup-Unternehmen scheitern aber auch schlichtweg, weil für die Problemlösung, die sie anbieten, noch kein Markt existiert –  Künstler, Erfinder und Visionäre sind manchmal einfach zu früh dran.  

Bei einer über 90 Prozent liegenden Chance zu scheitern ist also Mut zum Überlebenskampf gefragt. In Europa hängen die Gründer und Geldgeber eines gescheiterten Unternehmens ihre Geschichte oft nicht an die große Glocke. Dabei wäre das durchaus vernünftig – einerseits für die Gesellschaft, die auch die Geschichten „der anderen“ kennen soll, um aus ihnen zu lernen, andererseits für die gescheiterten Gründerinnen und Gründer selbst. Hier zeigt sich ein kultureller Unterschied zwischen Nordamerika und Europa. Wird man für das Scheitern hierzulande eher bemitleidet oder gar verurteilt, so gelten Gescheiterte jenseits des Atlantik eher als Menschen mit viel Erfahrung, die sich aufrappeln können um etwas Neues zu starten.   

Das Scheitern gehört also dazu – und mit diesem Wissen trotzdem etwas anzufangen und zu riskieren erfordert Mut. Wir sehen ihn derzeit unter anderem häufig im Bereich der Blockchain-Technologie – einer aufregenden Entwicklung, die vielleicht zu den wichtigsten technologischen Errungenschaften seit der Entstehung des Internet gehört. Menschen, die heute ihre ganze Energie in Blockchain-Startups stecken, riskieren alles – sie sind wie die Internet-Pioniere der frühen neunziger Jahre.

Ein österreichisches Startup namens Grid Singularity will damit zum Beispiel die Energiebranche komplett umkrempeln. Angenommen du hast eine eigene Solarstrom-Anlage: Wenn du einen Überschuss aus dieser Anlage beziehst, kannst du ihn an die Nachbarn weitergeben. Sowohl die Menge an Strom, als auch Abrechnung und Bezahlung werden automatisch durch eine Blockchain erledigt – das Geld erhält oder bezahlt man also laufend, in Form einer programmierbaren Kryptowährung wie Bitcoin. Auch wer sein elektrisches Auto unterwegs bei Ladestationen von Privatpersonen aufladen will, kann das bewerkstelligen, ohne sich selbst um die Abrechnungen kümmern zu müssen – denn Smart Contracts wickeln auch hier die Verteilung der Resourcen und die Bezahlung automatisiert ab.

Auf der ganzen Welt arbeiten kleine Teams daran, ganze Branchen komplett umzukrempeln – die Musikindustrie, den Finanzsektor, das Versicherungswesen, den Energiesektor und viele mehr. Startup-Unternehmen arbeiten an hocheffizienten Solarzellen aus Kunststoff-Folien, die spottbillig hergestellt werden können. Sie erfinden Mini-Windräder, die auf Straßenlaternen montiert werden können. Ein Team züchtet Meeresalgen, die als Biotreibstoff in naher Zukunft Erdöl ersetzen könnten. Ein Forscher in Sachsen hat ein viersitziges Elektroauto entwickelt, das im Handel 5000 Euro kosten soll. Ein bayrisches Unternehmen arbeitet an einer Technik, die Holzabfälle in Holzgas für den Antrieb von Motoren verwandelt. Von einem anderen Unternehmen stammt die Erfindung eines Elektromotors von der Größe einer Getränkedose, der die elektrischen Mopeds der Zukunft antreiben könnte. Ein weiteres Startup beschäftigt sich mit der Bewässerung von Pflanzen und will Landwirten helfen, die Verschwendung von Wasser und die Versalzung der Böden zu vermeiden. Winzige Sensoren werden an die Blätter von Pflanzen (z.B. von Obstbäumen) geklemmt, wo sie den Druck registrieren, der in den Pflanzenzellen herrscht – sie messen also, wieviel „Durst“ die Pflanze hat. Die Daten werden an eine Basisstation gefunkt. Auf Feldern für Weizen, Soja oder Mais spart die Technologie 30 Prozent Wasser und schützt Pflanzen und Böden. 

Die Menschheit steuert auf Probleme zu, die innovative und vor allem nachhaltige Lösungen erfordern: Denn die Erderwärmung durch den Treibhauseffekt droht, den Planeten für unsere Kinder und Enkel ungemütlich oder sogar unbewohnbar zu machen. Steigende Arbeitslosigkeit, Automatisierung und Künstliche Intelligenz erfordern neues Denken hinsichtlich des Funktionierens unserer Gesellschaft und unseres zunehmend dysfunktionalen Finanzsystems.  Die Querdenker und Gamechanger in unserer Mitte müssen und werden die Zukunft mehr denn je bestimmen.   

Links:

Grid Singularity – „Smart Grid“-Technologie aus Wien:
http://gridsingularity.com/#/

Solarzellen auf Plastikfolie:
https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2011/mai/flexible-folie.html

Gründerszene:
https://www.gruenderszene.de

IOTA – Berliner Startup mit einer Next-Generation-Blockchain für das Internet of Things:
https://iota.org

Social-Startups.de – deutsche Infoplattform zum Thema soziales Unternehmertum:
http://www.social-startups.de

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